Reaktion auf Facebook-Kommentar

Folgender Text wurde am 12.03.2021 auf der Facebook-Seite des Heidekreisklinikums gebracht:
„Bis zur ‚Neustrukturierung' des Heidekreis-Klinikums (HKK) in den Jahren 2009 bis 2012 hat das wirtschaftlich gesunde Haus in Soltau das wirtschaftlich verlustreiche Haus in Walsrode mittragen können und für eine ausgeglichene Gesamtbilanz gesorgt. (...)"

(Quelle: Dr. Franz, Mitinitiator Bürgerbegehren, Südkreis-Politiker zur Vernunft bringen | Böhme-Zeitung (boehme-zeitung.de))


Stimmt das?

Gabriele Remie, Leitung Finanzen HKK:
„Nein, das stimmt nicht. Hier irrt Herr Dr. Franz. 2007 war das Jahresergebnis für beide Standorte ausgeglichen, aber bereits im Jahr 2008 war das Ergebnis für den Krankenhaus-standort Soltau mit -864.000 Euro hochdefizitär und der Standort Walsrode hat mit einem positiven Ergebnis in Höhe von 385.000 Euro zur Verbesserung des Gesamt-Ergebnisses entscheidend beigetragen. Das gleiche gilt auch für das Jahr 2009."


Falls jemand von mir (Dr. Wolfram Franz) darauf eine Antwort erwartet, hier ist sie:

Seit etwa 2001 bis 2006 ermittelten die beiden Geschäftsführer die Bilanzergebnisse der einzelnen Abteilungen beider Häuser in Soltau und Walsrode und haben diese in Krankenhauskonferenzen (alle Leitungskräfte) und vor dem Aufsichtsrat offengelegt.

Von 2007 an konnten die Geschäftsführer diese Zahlen angeblich nicht mehr ermitteln und begründeten das mit Software-Problemen.

Ist das vorstellbar und glaubhaft oder war dies mit bestimmten Zielen verbunden?
Ab 9/2009 wurde die Gutachterfirma BAB für die Erarbeitung eines Neustrukturierungs-Konzeptes eingesetzt. Zusammen mit einer den Gutachtern an die Seite gestellten Gruppe aus zahlreichen leitenden Mitarbeitern des Hauses, wurde eine „Projektgruppe“ gebildet. Diese musste für ihre IST- und SOLL-Berechnungen mit InEK-Zahlen rechnen. InEK-Zahlen sind theoretischen Zahlen, anhand derer errechnet werden kann, welche Umsätze und Gewinne eine Abteilung bei welchen Leistungen erwirtschaften können müsste. Mit den echten Zahlen konnte nicht gerechnet werden, da diese ja angeblich nicht vorlagen. Es wurde der Neustrukturierungsplan A (später D) erarbeitet und 6 Monate vermeintlich einspruchslos von den Kreistagspolitikern geprüft. Im Mai 2010 wurde plötzlich ein Neustrukturierungsplan B (später C) aus dem Hut gezaubert, dessen Urheberschaft bis heute nicht ermittelbar ist. Der Plan B sollte ohne Hinweis auf die und ohne Bemerken der Veränderungen durch den Kreistag gebracht werden. Die Veränderungen wurden aber öffentlich bemerkt. Nach darauf folgenden erheblichen Bürgerprotesten wurde die Gutachterfirma BAB mit der Projektgruppe erneut eingesetzt, um die Pläne A und B zu vergleichen. Im August 2010 hat der Aufsichtsrat dann die Geschäftsführer angewiesen, die echten Bilanz-Zahlen zu ermitteln und herauszugeben. Jetzt konnten die beiden Geschäftsführern plötzlich doch die Bilanzen, auch die der voraus liegenden Jahre vorlegen. Die Gutachter erhielten diese Zahlen. Sie wurden der Projektgruppe und dem Aufsichtsrat in einer PowerPoint Präsentation der Geschäftsführung im Dezember 2010 kurz präsentiert, aber niemand bekam sie ausgehändigt.

27.11.2010 Dr. Franz schrieb an den Aufsichtsrat:
„Bei der Nebeneinanderstellung der Abteilungsbilanzen der Soltauer und Walsroder Abteilungen für Chirurgie, Innere, Gynäkologie/Geburtshilfe und Kinder wird außer Acht gelassen. Dass die Soltauer Abteilungen insgesamt mit fast 2.000.000.-€ höher als Walsrode durch nichtmedizinische Infrastrukturkosten (Verwaltungskosten) belastet werden. Außer acht gelassen wurde, dass die Abteilungen für Frauen und Kinder in Soltau schon die letzten 15 Jahre wirtschaftlich gesund sind. Die Erlösdiskrepanz ist auch im Jahr 2010 deutlich. Schon bis Oktober 2010 hat die Frauenabteilung in Soltau 350 Relativgewichte mehr erlöst als in Walsrode und die Kinderabteilung in Soltau 233 Relativgewichte mehr als in Walsrode. Dies entspricht in Eurobeträgen für die Frauenabteilung 1.050.000.- € und für die Kinderabteilung 699.000.-€ Mehrerlös bis Oktober gegenüber den Walsroder Abteilungen.“
Herr Geschäftsführer Jurczyk behauptet wiederholt vor dem Aufsichtsrat und in der Projektgruppe, beide Häuser wären in den Erlösen „annähernd gleich“.

28.11.2010 Dr. Franz verfügt als Mitglied der Projektgruppe über die Zahlen und trägt entsprechend seinem Schreiben an den Aufsichtsrat in der Projektgruppe vor: „In 2009 hatten die somatischen Abteilungen (d.h. Abteilungen ohne Psychiatrie) in Soltau 1035 Basisfallwerte mehr als die Abteilungen in Walsrode erarbeitet, das heißt die somatischen Abteilungen in Soltau hatten 3.105.000 Mio. € mehr erlöst, als die somatischen Abteilungen in Walsrode. Die höheren Gewinne am Standort Soltau wurden in den dem AR vorgelegten Bilanzen aber geschmälert, indem die Soltauer Abteilungen mit Kosten aus nichtmedizinischen Infrastrukturkosten (Verwaltung) beider Standorte von insgesamt 2.000.000.-€ höher als Walsrode belastet wurden.

Nur nach dieser von den Geschäftsführern gewählten eigenwilligen Bilanzierung scheinen die Bilanzen beider Häuser in den gewählten Statistik-Maßstäben „annähernd gleich” auszusehen. Während dieses Vortrags und danach wurde Herr Dr. Franz von Herrn Jurczyk niedergeschrien. Herr Buchhop, Leiter der Buchhaltung, wagte daraufhin die Aussage: “Herr Jurczyk, warum schreien Sie derartig? Herr Dr. Franz hat doch nur die Wahrheit ausgesprochen.”

Die Geburtenzahl in Soltau stieg im Jahr 1997 von 730 auf über 800, 1998 auf 900 und lag im Jahr 2000 (Kreissaalumbau in Walsrode) leicht über 1000, hielt sich bis 2003 eben unter 1000 Geburten jährlich, verringerte sich dann wieder, lag aber immer deutlich über der Geburtenzahl in Walsrode. Im Jahr 2010 lag die Geburtenzahl in Soltau nach vielen Gerüchten über mögliche Schließung noch bei 650, in Walsrode bei 550 Geburten.

Beide Frauenabteilungen zusammen bewältigten auch im Jahr 2010 noch 87% der im Landkreis anfallenden Geburten (Frühgeburten mussten in andere Kliniken weiter verlegt werden und konnten nicht im Heidekreis geboren werden). Zusätzlich kamen derart viele Mütter aus den Nachbarkreisen zur Entbindung, dass sich rechnerisch ein Eigenversorgungsgrad für Geburten von 107 % ergab. Mehr kann eine Abteilung kaum erreichen. Heute erreicht das HKK insgesamt einen Eigenversorgungsgrad von 46,3%)
Der Neustrukturierungsplan B (später C) wurde im Kreistag politisch durchgesetzt: Gynäkologie und Geburtshilfe sowie die Kinderabteilung in Soltau, beide wirtschaftlich gesund, wurden geschlossen, zugunsten der weniger erfolgreichen Abteilungen in Walsrode, weil es politisch so gewollt war. Das war ärgerlich, schlimm richtig bedrohlich wurde es aber dann durch die folgende Kettenreaktion: Wegen der Kinderklinik, die Walsrode unbedingt haben wollte, musste die Geburtshilfe und damit die Gynäkologie in Walsrode sein. Wegen der Gynäkologie musste dann auch die Abdominalchirurgie nach Walsrode umziehen und das folgenreichste war: wegen der Abdominalchirurgie mussten die beiden Abteilungen für Innere Medizin ihre Plätze tauschen. Die Innere Gastroenterologie musste nach Walsrode ziehen und umgekehrt die Innere Kardiologie nach Soltau. Beide Abteilungen für Innere Medizin waren bis dahin wirtschaftlich die sehr erfolgreichen tragenden Abteilungen (Gesamterlöse 20 Mio. € jährlich.) Allein schon für den Fall, dass diese beiden Abteilungen ihre Standorte tauschten, haben die Gutachter Erlöseinbußen von 50% in beiden Abteilungen für mindestens die nächsten drei Jahre prognostiziert. Das hieß in Zahlen: Erlöseinbußen von 10 Millionen €/Jahr. Dem Kreistag wurde das Gutachten erst unmittelbar vor der Kreistagsentscheidung ausgehändigt. Kaum ein Abgeordneter kann es gelesen haben. Die Kreistagsentscheidung führte zur Durchsetzung des Plans C.

Nicht nur die prognostizierten finanziellen Folgen traten ein und sind bekannt. Seitdem hat das HKK über 80 Millionen Euro Zuschüsse vom Landkreis verbraucht.

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